Marzipan-Schweinchen geklaut: Fünf Monate Haft

28. Februar 2011 - 16:11 Uhr

Von Dieter Sieckmeyer

Keine Gnade für alleinerziehende Mutter wegen ihrer Vorstrafen. Ihr 15-jähriger Sohn muss vermutlich in ein Heim.

Düsseldorf. Normalerweise sollen Marzipan-Schweinchen Glück bringen. Für Renate S. (Name geändert) könnten sie den endgültigen Absturz bedeuten. Um ihrem Sohn eine Freude zu machen, hatte die 49-Jährige bei einer Confiserie an der Königsallee zehn Marzipan-Schweinchen eingesteckt und nicht bezahlt.

Dafür bekam sie am Montag eine Haftstrafe von fünf Monaten. Da auch noch zwei Bewährungsfristen nicht abgelaufen sind, muss die alleinerziehende Mutter vermutlich sogar 14 Monate ins Gefängnis.

Renate S. (li.) mir ihrer Bewährungshelferin auf dem Weg in den Gerichtssaal.

Es war der 30. Dezember 2009. Für ein Schulfrühstück sollte der 15-jährige Sohn von Renate S. zehn Marzipan-Schweine mitbringen. Der Junge leidet schon lange unter der schwierigen finanziellen Situation, denn Renate S. lebt von Hartz IV. In der Schule wurde er darum immer wieder gehänselt.

Sohn wurde in der Schule immer wieder gehänselt

„Es sollte diesmal etwas ganz Besonderes sein“, schilderte die 49-Jährige, warum sie das noble Geschäft ausgesucht hatte. Zehn Marzipan-Schweinchen, das Stück für drei Euro, packte sie in eine Tüte und stellte sich zunächst in der Schlange vor der Kasse an.

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Doch obwohl sie genug Geld in der Tasche hatte, überlegte Renate S. es sich anders und lief plötzlich aus dem Geschäft: „Warum ich das getan habe, weiß ich auch nicht.“ Die Flucht war schnell beendet.

Insgesamt neun Vorstrafen hat die Frau seit 1987 angesammelt. Mehrfach hatte sie Lebensmittel gestohlen, weil das Geld nicht reichte. denn Renate S. bekommt nicht den vollen Hartz IV-Satz. Weil sie eine zu große Wohnung hat, wird ihr ein Teil des Geldes abgezogen: „Ich wäre längst in eine andere Wohnung umgezogen. Aber ich finde keine.“

Auch ihre Bewährungshelferin konnte Renate S. dabei nicht unterstützen. Sie gab zu, dass sie die Bescheinigungen der Arge selbst nicht versteht und kritisierte, dass man der alleinerziehende Mutter auch keine echte Hilfe zur Seite stellte: „Es gab eine Betreuerin, deren einzige Leistung darin bestand, dass sie von dort einmal in der Woche nach einer neuen Wohnung telefonieren konnte.“

Renate S. versuchte, sich und ihren Sohn über Wasser zu halten, in dem sie auf dem Wochenmarkt aushalf und dafür Lebensmittel erhielt. Wegen ihrer Vorstrafen bekam die gelernte Altenpflegerin trotz etlicher Bewerbungen keine Arbeitsstelle.

Obwohl ihr Sohn vermutlich in einem Jugendheim untergebracht werden muss, hielten die Berufungsrichter eine Haftstrafe für angemessen: Es sei auch ein schlechtes Vorbild für den Sohn, wenn er den Eindruck haben könne, dass Diebstahl nichts Schlimmes sei.

http://www.wz-newsline.de/lokales/duesseldorf/marzipan-schweinchen-geklaut-fuenf-monate-haft-1.590377

 

 

28 | 2 | 2011

Traurige Geschichte
Marzipan geklaut: Mutter in den Knast

Wegen zehn Marzipan-Schweinchen von Heinemann (30 Euro) muss Gisela F. (49/ Name geändert) jetzt 14 Monate in den Knast.

Ihr 15-Jähriger Sohn Dennis (Name geändert) kommt ins Heim. Eine traurige Geschichte um den hoffnungslosen Kampf für etwas Würde und Ansehen. Trotz Armut.

Gisela F. und Dennis leben von Hartz IV. Zum Leben bleiben ihnen nach Abzug aller Nebenkosten 173,77 Euro. Manchmal arbeitet Gisela F. auf dem Markt. Ihr Lohn: Gemüse, das nicht verkauft wurde. Kleidung gibt es nur Second Hand.

Genau deshalb wurde Dennis in der Schule gehänselt, an seinem gebrauchten Pulli von Mitschülern an den Kleiderhaken gehängt. Die Ex-Altenpflegerin Gisela F.: „Er leidet darunter, dass wir arm sind. Nichts kann ich ihm bieten.“

Deshalb ging sie immer wieder klauen. Meist zu Weihnachten. Mal etwas Wurst, Käse oder Fleisch. Und sie wurde erwischt. Nicht nur einmal. Dafür standen wegen Diebstahl geringwertiger Sachen neun Monate Bewährungsstrafe offen.

Auf der neuen Schule bekam der Junge den Auftrag, sich an einem Klassenfrühstück zu beteiligen. Marzipanschweine sollte er mitbringen. „Ich wollte ihm was besonderes bieten. Damit ihn die anderen nicht wieder hänseln.“

Da stand sie bei Heinemann an der Kasse. Zehn Marzipan-Schweinchen in der Tüte, 30 Euro in der Geldbörse. Doch dann kam der Gedanke an das Monatsende. Und das sie die 30 Euro bis dahin dringend für andere Dinge braucht. „Da habe ich die Türe genommen und bin einfach rausgelaufen.“ Und wurde wieder erwischt.

Vergeblich hatte sie Jobs gesucht. „Mit den Vorstrafen ist das nicht leicht.“ Einen Job hatte sie in Aussicht, wenn sie sich wegen Nachtarbeit eine Wohnung in der Nähe der Firma besorgt hätte. Doch das klappte nicht. Dann der Ärger mit der Arge. Ihre Wohnung ist zu groß, deshalb gibt's bei Hartz IV noch Abzüge. Selbst ihre Bewährungshelferin bestätigt: „Ich verstehe diese Bescheide auch nicht.“

Am Ende verurteilte der Richter sie zu fünf Monaten Haft. Die Bewährungen werden widerrufen. Der Richter: „Es war ihre wirtschaftliche Notlage. Wir haben lange überlegt, ob es richtig ist, dem Jungen seine Mutter weg zu nehmen. Aber was ist das für ein Vorbild für ihn, wenn er denkt, dass man einfach klauen kann und nichts passiert.“

http://www.express.de/regional/duesseldorf/marzipan-geklaut--mutter-in-den-knast/-/2858/7505940/-/index.html