Kluft bei Einkommen wächst rasant
Die Schere zwischen arm und reich geht weiter auseinander. Das muss nicht so
sein: Die OECD legt Vorschläge vor, wie die Politik soziale Ungleichheit
bekämpfen und die Wirtschaft stärken kann.
Drei Generationen bei Ford: Mustafa, Ahmet und Süleyman Cözmez (von links) haben in Köln einen Job gefunden.
Foto: dpa/Rolf Vennenbernd
Die Kluft zwischen Geringverdienern und
Besserverdienenden hat sich in den Industrieländern rasant vergrößert. Die
Einkommens-Unterschiede sind inzwischen so gewaltig, dass selbst die
konservative Industrieländer-Organisation OECD beunruhigt ist. In einer Studie
hat sie nun Vorschläge vorgelegt, wie die Politik für mehr Gerechtigkeit sorgen
und gleichzeitig das Wachstum ankurbeln kann.
In Deutschland seien die unteren Einkommen besonders stark gesunken,
berichtet Isabell Koske von
der Wirtschaftsabteilung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
und Entwicklung (OECD). Der Lohn eines Geringverdieners ist demnach heute nur
noch halb so hoch wie der Lohn eines Beschäftigten mit mittlerem Einkommen.
Eine größere Lohnkluft haben die Forscher nur noch in Südkorea und den USA
entdeckt. In allen anderen der 25 untersuchten Industrieländer waren
Geringverdiener nicht so weit abgehängt. Etwas günstiger schneidet Deutschland
ab, wenn man hohe und mittlere Einkommen vergleicht. Hier ist der Unterschied
hierzulande etwas kleiner als im OECD-Durchschnitt.
Befristete Jobs und niedrige Löhne
Doppelter Nachteil: Beschäftigte mit einem befristeten
Arbeitsvertrag müssen nicht nur mehr um ihren Arbeitsplatz bangen als ihre
Kollegen mit einem unbefristeten Vertrag. Sie haben auch geringe Einkommen. Zu
diesem Ergebnis kommt eine Analyse der Organisation für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Forscher haben dabei Beschäftigte
miteinander verglichen, die eine ähnliche Qualifikation haben.
Deutschland: Hierzulande ist die Lohnkluft dabei besonders
groß. Befristet Beschäftigte verdienen demnach etwa 35 Prozent weniger als
vergleichbare Beschäftigte mit einem unbefristeten Job. Im OECD-Durchschnitt
beträgt der Unterschied „nur“ etwa 25 Prozent. Dies gilt für Arbeitnehmer mit
einem mittleren Einkommen. Bei Geringverdienern ist der Unterschied noch
größer.
Bei diesem Befund erscheint es naheliegend, einen
Mindestlohn einzuführen. Hier empfehlen die OECD-Ökonomen ein behutsames
Vorgehen. Ein zu hoher Mindestlohn könne die Jugendarbeitslosigkeit nach oben
treiben, warnen sie. Dennoch lehnen sie Lohn-Untergrenzen nicht rundweg ab:
„Gruppenspezifische Mindestlöhne für Arbeitsmarkteinsteiger könnten hilfreich
sein“, meint die Organisation. In Deutschland, meint Koske,
seien zwei Maßnahmen besonders wichtig: Erstens müsse der Bildungssektor besser
werden. Insbesondere müssten Migranten bessere
Chancen bekommen. In Deutschland haben es vor allem junge Menschen schwer,
deren Familien aus der Türkei oder einem arabischen Land stammen.
Gleichbehandlung von Männern und Frauen fördern
In dieser Gruppe finden nur 20 Prozent der Realschüler einen
Ausbildungsplatz, berichtete kürzlich die IG Metall. Bei Bewerbern mit
südeuropäischem Hintergrund sind es dagegen 40 Prozent. Mehr Chancengleichheit
erhöhe den Wohlstand in dieser Republik und dämme gleichzeitig die soziale
Ungleichheit ein. „Eine schlechte Ausbildung bremst dagegen das Wachstum“,
betont OECD-Ökonom Rüdiger Ahrend.
Zweitens empfehlen die Forscher, die Gleichbehandlung von Männern und Frauen
zu fördern. In Deutschland hätten besonders viele Frauen nur eine
Teilzeit-Stelle, obwohl sie gern länger arbeiten würden. Das drückt ihre
Einkommen. Die Lösung ist bekannt: mehr Kita-Plätze
und mehr Ganztags-Schulen.
Eine höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen wäre – ebenso wie die
Gleichbehandlung von Migranten – eine „Win-Win-Strategie: Das Einkommensgefälle würde geringer und
die gesamte Wirtschaft würde profitieren, weil das Potenzial der Frauen nicht
länger brach liegen würde.
In der Steuerpolitik schlagen die OECD-Experten vor, die Schlupflöcher für
Reiche zu stopfen. Wenn das gelinge, könnten die Steuersätze für alle gesenkt
werden.
Globale Arbeitslosenquote bei sechs Prozent
Dass Wachstum nicht automatisch mehr Wohlstand für alle bedeutet, zeigen
auch neue Daten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Demnach waren
2011 weltweit mehr als 197 Millionen Menschen arbeitslos, und damit genauso
viele wie im Vorjahr und und 27 Millionen mehr als
vor der Krise im Jahr 2007. Die globale Arbeitslosenquote stagnierte damit bei
sechs Prozent, obwohl die Weltwirtschaft 2010 um gut fünf Prozent und 2011 noch
einmal um vier Prozent wuchs.
Zudem lebten vor allem in Entwicklungsländern 900 Millionen Menschen trotz
Arbeit unter der Armutsschwelle von zwei Dollar pro Tag, klagt die ILO. Eine
konsequente Finanzmarktregulierung könne nicht nur die Wirtschaft
stabilisieren, sondern auch die Jobkrise entschärfen. Denn dadurch würde die
Unternehmensfinanzierung stabiler. Insbesondere kleine und mittlere Betriebe,
die besonders viele Jobs bieten, hätten einen besseren Zugang zu Krediten. FR
24.1.12
Kommentar zum OECD-Bericht: Fortschritt bei der Armutsbekämpfung