Jeder Fünfte trinkt zu viel Alkohol

 

Neues Jahrbuch enthüllt alarmierende Zahlen - einzig der Tabakkonsum sinkt leicht

 

Berlin. Es wird weniger geraucht, aber weiterhin viel getrunken - das ist das Ergebnis des Jahrbuchs Sucht 2011, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen am Dienstag in Berlin vorstellte. Geschäftsführer Raphael Gaßmann nannte die Situation bezüglich des Alkohols "dramatisch", denn "der Alkoholverbrauch bleibt entschieden zu hoch, zu riskant, zu folgenreich".

 

Die Hauptstelle ging davon aus, dass jeder fünfte Deutsche zwischen 18 und 64 Jahren ein Alkoholproblem habe. Zwar ging die jährlich konsumierte Menge reinen Alkohols leicht zurück, doch falle diese Entwicklung "zu gering" aus, um Gesundheitsschäden zu vermeiden.

 

Mehr Alkoholvergiftungen

 

Laut der Hauptstelle für Suchtfragen ist die Anzahl an Alkoholvergiftungen zwischen 2000 und 2009 um fast 112 Prozent gestiegen. Besonders dramatisch fällt die Entwicklung mit einem Plus von etwa 194 Prozent in der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen aus. Auch bei den Senioren liegt die Zahl mit rund 181 Prozent Steigerung über dem ermittelten Durchschnitt. Rund 73 000 Todesfälle gingen jährlich auf "alkoholbezogene Gesundheitsstörungen" zurück, erklärte Gaßmann. Ein Fünftel aller Todesfälle in Deutschland zwischen 35 und 65 Jahren seien alkoholbedingt, bei Männern sogar ein Viertel.

 

Positiver sieht die Hauptstelle die Entwicklung beim Tabak: Der Rückgang sei deutlich, wenn auch mit 1,6 Prozent im Jahr 2009 nur noch halb so intensiv wie im Vorjahr (3,8 Prozent), hieß es in einer Mitteilung. Die Tabaksteuereinnahmen seien 2009 um 1,5 Prozent auf rund 13,4 Milliarden Euro gesunken, während sie 2008 um etwa 4,8 Prozent zurückgegangen seien.

 

In Deutschland rauchen rund 29 Prozent der 18- bis 64-Jährigen, Männer sind dabei stärker vertreten als Frauen. Die Hauptstelle sprach von 110 000 bis 140 000 durch Tabakkonsum verursachten Todesfällen jährlich.

 

Bei Medikamenten mit Suchtpotenzial konnte kein eindeutiger Trend ausgemacht werden, weil die Mittel häufig im Internet, also am Arzt vorbei, erworben würden. Schätzungen gingen von 1,4 Millionen Abhängigen aus.

 

Bei illegalen Drogen vermutete die Hauptstelle, dass in Deutschland rund 220 000 Menschen zwischen 15 und 64 Jahren regelmäßig Cannabis konsumieren. Bei Kokain oder Amphetaminen fielen die Zahlen geringer aus.

 

Insgesamt sprach die Hauptstelle von "nur geringfügigen Reduzierungen legaler Suchtmittel" und forderte unter anderem Preiserhöhungen und eine Verringerung des Angebots. Gaßmann warf Politik und Medien vor, "eigene Regeln" für verschiedene Suchtmittel zu schaffen - "je nach Lobbypartnern und Wahlterminen". Bei Tabak sei allen Konsumenten "unmissverständlich klar, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist". Das gelte jedoch auch für Alkohol, Medikamente und illegale Drogen, erklärte er. afp

fr 27.4.11