Frankreich: Arge-Mitarbeiter verweigern Sanktionen
Frankreichs
Jobcenter-Mitarbeiter verweigern Sanktionen
11.10.2011
Was in Deutschland undenkbar wäre, gehört in Frankreich zur politischen
Sprache. Zahlreiche französische Arbeitsagenturangestellte verweigern
Sanktionen gegenüber Erwerbslosen, sprechen sich gegen die sogenannte
Sippenhaft aus und zeigen sich solidarisch mit Menschen, die auf
Sozialleistungen angewiesen sind.
Obwohl zahlreiche Sachbearbeiter in den Hartz IV
Behörden in Deutschland selbst unter einem ständigem Druck arbeiten müssen,
teilweise mit Zeitverträgen ausgestattet sind und vielmals unter den Arbeitsbedingungen
leiden, käme für die meisten Jobcenter-Mitarbeiter ein Solidarisierung mit den
Betroffenen nicht in Frage. Zu groß ist die ideologische Verblendung im „Sinne
des Steuerzahlers“ Erwerbslose zu schikanieren, obwohl das Grundgesetz und die
Menschenwürde in vielen Punkten in Deutschland offensichtlich mit Füßen
getreten wird. Würde das Grundgesetz beachtet werden,
würde die freie Berufswahl, die freie Wahl des Wohnortes und die Würde eines
jeden Hilfesuchenden und der Angehörigen beachtet werden. In Frankreich
herrschen teilweise ähnliche Sozialgesetze, die ebenfalls darauf abzielen,
Arbeitslose mit Sanktionen und Schikanen zu drangsalieren.
Die Gewerkschaften in Deutschland begnügen sich allerdings damit, hier und da
einmal Hartz IV zu kritisieren. Tatsächliche Aktionen
oder Streiks finden in den Erklärungen der gewerkschaftlichen Organisationen
keinen Widerhall. Die Gewerkschaftsfunktionäre und Jobcenter-Mitarbeiter
könnten von den Französischen Kollegen einiges lernen, damit die Würde des
Menschen auch in den Behörden endlich Einzug hält. Hier nun die Erklärung zur
beruflichen und bürgerlichen Ethik von Sud ANPE (Gewerkschaft in der Agentur
für Arbeit)
„Unsere Aufgabe ist es vor allem, den Arbeitsuchenden zu helfen, eine
Beschäftigung zu finden und das erwarten die Arbeitsuchenden von uns. Aber es
gibt einfach keine Arbeit für alle. Die Zunahme von Gesprächen, die ständigen
Aufforderungen zum Besuch der Agentur werden keine
Arbeit schaffen, sondern erhöhen nur das Risiko für die Arbeitsuchenden, gezwungen,
schikaniert und abgestraft zu werden. Wir, die Beschäftigten der ANPE,
erklären, dass wir auf keine Weise Menschen schaden wollen, die schon durch den
Verlust der Beschäftigung und des Einkommens verletzt sind.
Wir verweigern uns, sie auszugrenzen und wir werden keine Streichungen mehr
durchführen, ohne vorher die moralischen und menschlichen Folgen mit zu
beachten. Wir schlagen Angebote vor, wir zwingen aber Angebote nicht auf. Wir
werden die Arbeitsuchenden nicht zwangsweise in kleine Kästen stecken. Wir
erpressen sie auch nicht mit Streichung.
Wir verweigern uns auch, der Wut der Arbeitsuchenden ausgesetzt zu werden. Wir
verweigern uns, eine soziale Polizei zu sein, angewiesen zur Unterdrückung,
anstatt als öffentlicher Ratgeber für Beschäftigung agieren zu können. Weder
Arbeitsuchende noch Beschäftigte der ANPE sind verantwortlich für den Zustand
des Arbeitsmarktes und für die wachsende Prekarisierung.
Wir sind mit den Arbeitsuchenden solidarisch. Wir weigern uns, falsche Zahlen,
unlautere Angebote und leere Unterhaltungen zu produzieren und wir werden
unsere beruflichen Praktiken dazu einsetzen, den Nutzern unserer Dienste zu
helfen, im vollen Respekt ihrer bürgerlichen Rechte.” (sb)