Erinnerung an Suchttote

21.07.2011 / Inland / Seite 4Inhalt jw

Selbsthilfeorganisationen fordern humane Drogenpolitik. Aktionen in mehr als 60 Städten geplant

Von Markus Bernhardt

Kriminalisierung des Konsums ist keine Lösung

Kriminalisierung des Konsums ist keine Lösung

Foto: Christian Ditsch/Version

In über sechzig bundesdeutschen Städten finden am heutigen Donnerstag Mahnwachen, Kundgebungen und Gottesdienste anläßlich des Gedenktages an verstorbene Drogenabhängige statt. Allein in Deutschland sind seit 1990 über 33000 Menschen durch den Konsum illegaler Drogen gestorben.

Der Gedenktag wird seit 1998 begangen und wurde ursprünglich vom nordrhein-westfälischen Landesverband von »Eltern und Angehörigen für humane und akzeptierende Drogenarbeit e. V ins Leben gerufen.

Seitdem gehen am 21. Juli traditionell Selbsthilfeorganisationen, Drogenkonsumenten und deren Eltern sowie Angehörige auf die Straße, um Mißstände der deutschen Drogenpolitik anzuprangern, an Verstorbene zu erinnern und Informationen darüber zu verbreiten, wie das Überleben Drogen gebrauchender Menschen gesichert werden kann.

Der 21. Juli wurde von den Organisatoren gewählt, da 1994 genau an diesem Tag der Drogenkonsument Ingo Marten unter bis heute nicht geklärten Umständen verstarb. Auf Initiative seiner Mutter Karin Stumpf wurde in einem Park bei Gladbeck Deutschlands erste Gedenkstätte für verstorbene Drogenabhängige eingerichtet.

In diesem Jahr wurde der thematische Schwerpunkt des Gedenktages, der unter dem Motto »Drogengebrauch und Menschenrechte« steht, auf die Forderung fokussiert, Menschen in Haft den gleichen Zugang zu Prävention und Behandlung zu ermöglichen wie in Freiheit lebenden Personen.

Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, hat die Deutsche AIDS-Hilfe einen Petitionstext entworfen, der bereits von Dutzenden Wissenschaftlern, Gesundheitsexperten und Politikern unterstützt wird und unter dem Motto »Menschenrechte von inhaftierten Drogengebrauchern achten – Gesundheit und Leben schützen!« steht (www.drogenundmenschenrechte.de).

In Berlin ruft der »Initiativkreis 21. Juli«, der unter anderem aus der Deutschen und der Berliner AIDS-Hilfe, dem Notdienst Berlin und der Drogenhilfsorganisation Fixpunkt e.V. besteht, für heute (12 Uhr) zu einer Gedenkveranstaltung auf dem Kreuzberger Oranienplatz auf.

»In Berlin und vielen anderen Städten erleben wir eine Vertreibung von Drogenkonsumenten aus ihren Wohn- und Lebensräumen. Dieser Rückfall in längst vergangen geglaubte Zeiten ist inhuman und für eine Stadt wie Berlin völlig inakzeptabel«, kritisierten die Organisationen am Mittwoch in einer gemeinsamen Erklärung.

Ähnlich äußerte sich im Gespräch mit jW auch Claudia Rey von der Berliner AIDS-Hilfe. »Diese Vertreibung und Kriminalisierung von Drogenkonsumenten trägt dazu bei, daß Szenen, die auch als soziales Gefüge dienen, zerfasern und riskante Konsumformen aufgrund des Verfolgungsdrucks zunehmen. Ein Ergebnis dieser Art der Auseinandersetzung mit Menschen, die von illegalisierten Substanzen abhängig sind, zeigt sich auch in der inakzeptabel hohen Zahl von Drogentodesfällen«, monierte sie am Mittwoch. Allein 2010 sind Angaben der Bundesregierung zufolge, 1237 Menschen in Deutschland, darunter 124 Menschen in Berlin, an den Folgen des Drogenkonsums verstorben. Die Dunkelziffer dürfte jedoch weitaus höher liegen.

Etwa 70 Prozent der Todesfälle stehen unmittelbar in Verbindung mit dem Konsum von Heroin. Daher wolle der »Initiativkreis 21. Juli« auf die schnelle Umsetzung der Behandlung mit Diamorphin, dem für medizinische Verwendung geeigneten Heroin, dringen, so Dirk Schäffer, Referent für Drogen der Deutschen AIDS-Hilfe.


www.jes-bundesverband.de

 

http://www.jungewelt.de/2011/07-21/005.php