Einmal arm, immer arm

Der jüngste Sozialbericht für Deutschland belegt ein steigendes Armutsrisiko

Von Katja Tichomirowa

BERLIN Die Bundesrepublik Deutschland ist ein wohlhabendes Land. Betrachtet man sie von außen, also im internationalen Vergleich, rangiert sie in entsprechenden Rankings regelmäßig unter den ersten 20 der reichsten Länder der Welt. Von innen besehen sieht die Sache weniger erfreulich aus: Die Analyse der Verteilung materiellen Wohlstands in Deutschland zeigt, dass 2008/2009 15,5 Prozent der deutschen Bevölkerung als "armutsgefährdet" galten. Ein Jahr zuvor waren es noch 15,2 Prozent, und der gestern erschienene Sozialbericht für die Bundesrepublik, dem diese Daten entstammen, verzeichnet seit Mitte der 80er Jahre ein kontinuierlich steigendes Armutsrisiko.

Als armutsgefährdet gilt, wer einschließlich staatlicher Sozialleistungen im Monat weniger als 929 Euro zur Verfügung hat. Wer zur Gruppe im unteren Fünftel des Einkommensdurchschnitts gehört, hat überdies kaum Chancen, ihr wieder zu entkommen. Lag das Risiko arm zu bleiben in den 80er Jahren noch bei 57 Prozent, haben heute 65 Prozent der Armen nur wenig Aussicht darauf, ihre Lage aus eigener Kraft zu verbessern. Die Regel: einmal arm, immer arm, bildet die Situation der unteren Einkommensklasse immer realitätsgetreuer nach - für einen Wohlfahrtsstaat eine schlechte Nachricht.

Soziale Mobilität nimmt ab

"Die soziale Mobilität in Deutschland nimmt ab", erklärt die Soziologin Jutta Allmendinger vom Berliner Wissenschaftszentrum für Sozialforschung, das den Bericht gemeinsam mit dem Statistischen Bundesamt in Zusammenarbeit mit der Bundeszentrale für politische Bildung erstellt hat. Denn die "Verhärtung", wie Allmendinger das Phänomen umschreibt, zeigt sich auch in den oberen Einkommensklassen. Wer wohlhabend ist, hat beste Aussichten, es auch zu bleiben. Die Chance der Spitzenverdiener ihr Einkommen zu halten, ist seit den 80er Jahren von 38 Prozent auf heute 51 Prozent gestiegen.

Der Sozialbericht untersucht indes nicht nur die Verteilung materiellen Wohlstands in Deutschland. Der Datenreport 2011 will vielmehr eine "umfassende Beschreibung der Lebensverhältnisse in Deutschland" bieten und verbindet dazu amtliche Statistik mit wissenschaftlicher Sozialberichterstattung.

Dargestellt wird etwa der Zusammenhang von Gesundheit, Bildung und sozialer Ungleichheit. Die Regel lautet: Wer wohlhabend und gebildet ist, lebt gesünder und folglich in der Regel länger. Entsprechend geringer ist die Lebenserwartung von weniger gebildeten und wohlhabenden Bevölkerungsschichten. So leben Männer, die heute 45 Jahre alt sind und Abitur oder Fachhochschulreife haben im Durchschnitt 5,3 Jahre länger als Gleichaltrige, die über einen Hauptschulabschluss oder gar keinen Schulabschluss verfügen.

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, verwies denn auch auf die gesamtwirtschaftliche Bedeutung von Bildung. Die Feststellung, dass 2009 ein Viertel der deutschen Bevölkerung (25 Prozent) und gut die Hälfte der in Deutschland lebenden Ausländer (53 Prozent) keinen beruflichen Bildungsabschluss hatten, ist offenkundig von gesellschaftspolitischer Brisanz. Der Politik wolle man mit dem Datenreport handlungsrelevante Informationen zur Verfügung stellen, heißt es im Vorwort der Herausgeber. Fr 12.10.11

 

 

12.10.2011 / Inland / Seite 4Inhalt jw

Armut verfestigt sich

Im Auftrag der Bundesregierung erstellter neuer Sozialbericht: Umfassendes Datenmaterial zur sozialen Spaltung in Deutschland

Von Rainer Balcerowiak

Kostenlose Spielzeugausgabe in einem Hamburger Sozialladen. Mild

Kostenlose Spielzeugausgabe in einem Hamburger Sozialladen. Milde Gaben statt Ansprüche auf existenzsichernde ­Einkünfte sollen in Deutschland die wachsende Armutsgefährdung kaschieren

Foto: reuters

Die zunehmende soziale Spaltung steht im Mittelpunkt des »Datenreports 2011«, der am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Dieser Sozialbericht wird alle zwei Jahre vom Statistischen Bundesamt (Destatis) und sozialwissenschaftlichen Forschungsinstitutionen im Auftrag der Bundesregierung erstellt. Ziel sei dabei, möglichst viele Bereiche, »die für die Lebensqualität bedeutend sind, in den Fokus der Statistik zu rücken«, so Destatis-Präsident Roderich Egeler auf der Pressekonferenz. Dazu gehörten vor allem die Verteilung des materiellen Wohlstands und der Erwerbsarbeit, persönliche und wirtschaftliche Sicher- bzw. Unsicherheit, Bildung und die Rückwirkung dieser Faktoren auf Gesundheit, Wohn-, Lebens- und Freizeitqualität, politische Partizipation und soziale Beziehungen.

Die Autoren des Reports konstatieren, daß die Armutsgefährdung in Deutschland derzeit auf hohem Niveau stagniert. Statistisch zu den Betroffenen zählt, wer als Einzelperson über weniger als 926 Euro pro Monat verfügt. Für Mehrpersonenhaushalte sind die Werte entsprechend höher. Unter dieser Schwelle liegen demnach die Einkommen knapp 16 Prozent der Bevölkerung. Diese Menschen seien oftmals mit erheblichen Einschränkungen im Alltag konfrontiert, so Egeler. Ursächlich dafür seien unter anderem der überproportionale Anteil der Wohnkosten am Haushaltsbudget. Fast ein Fünftel der Armutsgefährdeten gab an, die eigene Wohnung aus Kostengründen nicht durchgehend angemessen warmhalten zu können. Fast jeder Dritte in dieser Gruppe ist demnach finanziell nicht in der Lage, mindestens an jedem zweiten Tag eine vollwertige Mahlzeit einzunehmen.

Roland Habich vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung hob hervor, daß das Risiko des Verbleibs in Armut in den vergangenen 30 Jahren gestiegen ist. Betrachte man die unteren 20 Prozent der Einkommenspyramide, dann habe sich die Wahrscheinlichkeit, längerfristig in diesem Fünftel zu verbleiben, von 57 auf 65 Prozent erhöht. Außerdem habe sich bei der Erhebung gezeigt, daß 87 Prozent der Personen, die 2009 als arm oder armutsgefährdet galten, bereits in den davor liegenden fünf Jahren zumindest zeitweilig mit diesem materiellen Status leben mußten, 30 Prozent sogar dauerhaft. Es sei, so Habich, vielleicht etwas übertrieben, den Slogan »einmal arm – immer arm« zu formulieren. Aber »einmal arm-meistens arm« treffe die Situation ziemlich genau.

Signifikant ist für den Sozialwissenschaftler auch der Zusammenhang zwischen Bildung, Gesundheit und Armut. Männer im Alter von über 45 Jahren mit Abitur oder Fachhochschulreife hätten nicht nur ein deutlich geringeres Armutsrisiko als diejenigen mit Haupt- oder gar keinem Schulabschluß, sondern auch eine um 5,3 Jahre längere Lebenserwartung.

Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, sieht den Report auch als Auftrag an die Politik, die Bildungsressourcen der hier lebenden Menschen endlich umfassend und konsequent zu nutzen. Der Sozialbericht bestätige, was bereits die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) des öfteren kritisiert habe: In keinem anderen entwickelten Land seien die Bildungschancen der Kinder so abhängig vom Ausbildungsstand ihrer Eltern wie in Deutschland. Krüger begrüßte ausdrücklich die Vorhaben einiger Bundesländer, die Hauptschule abzuschaffen und durch integrative Schulformen abzulösen. Doch das reiche längst nicht aus, um erschreckenden Entwicklungen bei vielen Familien mit Migrationshintergrund zu begegnen, so Krüger.

In dieser Gruppe hätten 2009 insgesamt 19 Prozent über keinerlei Schulabschluß und sogar 53 Prozent über keine anerkannte Berufsausbildung verfügt. Die – auch noch indiskutablen – Werte für die deutschstämmige Bevölkerung liegen bei zwei bzw. 25 Prozent.