Diese Zahlen klagen an

 

 

    Nicht Deutschland, Deutschlands Wirtschaftspolitik ist ein Sanierungsfall / Ein Gastbeitrag

 

 

        Von Joachim Jahnke

 

 

        Es sind amtliche Zahlen vom Statistischen Amt der Europäischen

        Union (Eurostat) und der Organisation für Wirtschaftliche

        Zusammenarbeit (OECD), die ich verwende. Es sind Zahlen, die ich

        absichtlich so ausgewählt habe, und zwar nicht, um Deutschland

        schlecht zu machen. Es sind nämlich Zahlen, die meiner Meinung

        nach für die Menschen im Land die interessantesten sind, weil

        sie ihre Lebenswirklichkeit, ihr Wohlergehen und ihre Ängste

        beeinflussen. Und diese Zahlen klagen an.

 

 

        Sie klagen die falsche Wirtschafts- und Sozialpolitik an, die

        Deutschland in den vergangenen Jahren betrieben hat. Sie klagen

        den ziemlich extremen Sonderweg an, der aus angeblichen Gründen

        der Globalisierung und um des Exporterfolges willen die realen

        Arbeitseinkommen klein hält. Und so die private Nachfrage und im

        Ergebnis die Binnenkonjunktur seit Jahren erheblich schwächt.

 

 

        Die Zahlen, die zu der Reihenfolge im Schaubild führen,

        beschreiben die Entwicklung seit 2000. Das ist ein guter

        Ausgangspunkt, weil er weit genug nach der Wiedervereinigung

        liegt und trotzdem eine mittelfristige Beurteilung zulässt. Dazu

        kommen einige vergleichende Bestandsdaten, jeweils die aktuellen.

 

 

        Das Problem der wirtschaftspolitischen Debatte in Deutschland:

        Sie findet weitgehend unter dem heimischen Kirchturm statt. Kaum

        ein Politiker hat einen Überblick, wie sich das Land mit den

        Nachbarn in der Alt-EU vergleicht. Allenfalls rückt noch die

        Exportweltmeisterschaft ins Blickfeld, verstellt aber sofort den

        Blick für Wichtigeres. Nun kann man eigene Statistik

        beschönigen, wie das monatliche Spektakel um die

        Arbeitsmarktdaten beweist. Doch damit verdrängt man, dass

        Deutschland noch immer unter dem höchsten Anteil an

        Langzeitarbeitslosen in der Alt-EU leidet.

 

 

        Seit Jahren reden uns die tonangebenden Volkswirte ein, dass ein

        Konsumboom vor der Tür stehe. Doch noch immer warten wir

        vergeblich. Und Deutschland hat die bei weitem schlechteste

        Entwicklung des Einzelhandelsumsatzes. Man möchte uns glauben

        lassen, dass Deutschland längst nicht mehr zu den Fußkranken in

        Europa zählt. Dabei dümpelt Deutschland mit Portugal und Italien

        am Ende des Alt-EU-Feldes beim Wirtschaftswachstum -- seit 2000.

        Das deutsche Wachstum war gerade mal halb so stark wie das

        durchschnittliche aller anderen Staaten. Und ganz bitter: Der

        Mini-Aufschwung verkürzte den Abstand nicht.

 

 

        Es gibt drei Entwicklungen, die zu diesem Abschneiden führen.

        Erstens hat Deutschland die geringste Entwicklung der Löhne und

        Gehälter und zugleich die Europameisterschaft in der

        Lohndiskriminierung der Frauen. Dazu kommt das drittschlechteste

        Rentenniveau, gemessen am letzten Einkommen (bei kleinen

        Arbeitseinkommen von 50 Prozent des Durchschnitts sogar das

        schlechteste). Nicht überraschend führt diese vergleichsweise

        miese Einkommenssituation zur schlechtesten Entwicklung der

        Nachfrage privater Haushalte und des Einzelhandels sowie zur

        zweitschlechtesten des Baugewerbes. Bei dieser Lage können der

        Exporterfolg und eine Spitzenposition bei den Firmengewinnen

        nicht verstecken, dass Deutschland die meisten

        Langzeitarbeitslosen per aktiver Bevölkerung hat, was wiederum

        das durchschnittliche Einkommensniveau drückt. Ist es Zufall,

        dass Deutschland eines der wenigen EU-Länder ohne einen

        flächendeckenden Mindestlohn ist?

 

 

        Zweitens gibt Deutschland am zweitwenigsten für Grundschüler

        aus, hat die höchste Versagerquote in Mathematik seiner unteren

        sozialen Schicht, die niedrigste Hochschulabschlussquote und die

        geringsten Chancen für Migrantenkinder, einen Studienabschluss

        zu erreichen. Hier verspielen unsere Politiker die Zukunft.

 

 

        Drittens hat Deutschland zusammen mit Italien die niedrigste

        Zahl an Kindern pro Frau und den niedrigsten Anteil von Menschen

        unter 30 Jahren. Hinzu kommt eine Zahl an Kindergartenplätzen

        für Kinder unter drei Jahren, die nur noch von drei Ländern

        unterboten wird.

 

 

        Diesen Entwicklungen hängen zusammen. Die schlechte Situation

        bei den Masseneinkommen und Renten, kombiniert mit

        Steuerreformen zugunsten höherer Einkommen und der Unternehmen,

        hat über viele Jahre die Steuereinkommen gedrückt und die

        finanzielle Förderung von Bildung und Kinderbetreuung

        verhindert. Auch dürften die negative Reallohnentwicklung, die

        hohe Arbeitslosigkeit, die Diskriminierung der Fraueneinkommen

        und der Mangel an Kindergärten zu der negativen demografischen

        Situation beitragen. Die Demografie hat bereits begonnen, die

        Wirtschaftsentwicklung zu bremsen.

 

 

          RHEUSINGER

 

 

 

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Ausgabe: Stadtausgabe (Nr. 108)

Datum: Freitag, den 09. Mai 2008

Seite: 21