Glas für Glas in die Sucht ...

Knapp zehn Millionen Deutsche trinken riskant viel. Doch wo ist die Grenze zwischen Genuss und Gesundheitsgefahr? Von Frauke Haß

 

 

Der Mittdreißiger Frank (Name von der Red. geändert) versichert: "In

meinem Heimatdorf gibt es keinen Erwachsenen, der nicht trinkt." Diese

Einschätzung entspricht vermutlich nicht ganz der Wahrheit. Zumindest

nicht, wenn Frank nicht das kleine gallische Dorf im Nordwesten des

heutigen Frankreichs meint, sondern einen ganz normalen Ort in der Mitte

der Republik.

 

"Ich trinke auch", ergänzt Frank, "und zwar seit 20, 25 Jahren - jeden

Tag. Und ich bin kein Alkoholiker", versichert der schlanke, äußerlich

vor Gesundheit strotzende Mann. "Ich weiß, wovon ich rede: Mein Vater

war Alkoholiker. Der hat sich jeden Abend so lange Bier hinter die Binde

gegossen, bis er um neun umfiel. Und am nächsten Tag ging er wieder auf

Schicht. "

 

Was Frank so in Rage versetzt, sind die Zahlen des Epidemiologischen

Suchtsurveys des Instituts für Therapieforschung in München. Danach

trinken 9,5 Millionen Menschen in Deutschland zu viel Alkohol. Das

heißt, sie sind mindestens Risikokonsumenten.

 

Was das genau ist, definiert die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen

(DHS) so: Frauen, die mehr als zwölf Gramm reinen Alkohol am Tag trinken

(bei Männern 24 Gramm), konsumieren riskant viel. Zwölf Gramm

entsprechen etwa einem Achtelliter Wein. Die Weltgesundheitsorganisation

(WHO) ist etwas großzügiger und gestattet 20 (Frauen) und 30 Gramm

(Männer). Der Unterschied zwischen Frauen und Männern begründet sich

durch den unterschiedlichen Anteil an Körperflüssigkeit.

 

Frank hat seine Lehren aus dem Beispiel seines Vaters gezogen: "Früher

habe ich definitiv mehr getrunken, heute lasse ich es meist bei einem

Viertel Wein." Womit er gerade noch so außerhalb der Risikogruppe

bleibt. Und doch mag er sich nicht beruhigen: "Die Zahlen würden ja

bedeuten, dass 70 Millionen Deutsche praktisch gar nicht trinken - und

das glaube ich nicht."

 

Sollte er aber, empfiehlt Psychologe Gallus Bischof von der Uni Lübeck:

"Das sind Einschätzungen auf Basis fundierter Daten. Und man weiß auch,

dass eine Minderheit für die Mehrheit mittrinkt." Die Trunkenheitsfahrt

von Bischöfin Margot Käßmann im Februar sorgte für Diskussionen an den

Kneipentischen: "Wie viel Alkohol ist erlaubt?" Moralisch zeichnete sich

schnell ab, dass die kolportierten zwei Glas Wein, samt Prosecco und

ein, zwei Grappa zu viel waren für die gerne moralisch argumentierende

Bischöfin. Am Steuer sowieso.

 

Doch auch so mancher Suchtexperte schüttelt den Kopf ob dieser Menge.

Bischof empfiehlt, sich an die DHS-Menge von maximal einem Achtel Wein

für Frauen, einem Viertel Wein oder halben Liter Bier für Männer zu

halten. "An mindestens zwei Tagen der Woche sollte man gar nichts

trinken, schon um das zu trainieren."

 

Und wer das nicht schafft? Der geht ein Risiko ein, aber Bischof weiß

auch: "Wer seinen Konsum drosselt, tut sich was Gutes. Wenn jemand eine

halbe statt einer Flasche Wein am Tag trinkt, ist das ein Gewinn." Frank

sagt zum Käßmann' schen Konsum: "Das ist doch völlig normal und ziemlich

verbreitet." Doch wo liegt die Grenze zur gesundheitlichen Schädigung?

Zur Sucht? Zur schweren Abhängigkeit? Sind Frauen, die fünf mal die

Woche zwei Glas Wein (à 0,2) trinken, schon am Rande der Trunksucht?

 

Professor Andreas Heinz, Leiter der Psychotherapie an der Berliner

Charité, warnt vor Kurzschlüssen: "Die Trinkmenge ist individuell so

unterschiedlich, die sagt zum Suchtrisiko nicht unbedingt etwas aus."

Vielleicht sei es "pädagogisch angemessen", Männern zu empfehlen,

täglich nicht mehr als einen halben Liter Bier zu trinken. "Fest steht,

es gibt Gesellschaftsbereiche, in denen viel mehr Alkohol getrunken wird

als ein Glas Wein am Tag." Je mehr man trinke, desto größer sei auch die

Gefahr. "Wer akut viel verträgt, hat ein erhöhtes Risiko, abhängig zu

werden. Wer andere unter den Tisch trinkt, ist deshalb nicht gefeit

gegen Alkohol."

 

Organschäden und das Verlangen nach Alkohol "können Symp

 

tome der Abhängigkeit sein". Auch wenn Menschen andere Vergnügungen

vernachlässigten, sei das ein Warnzeichen. "Ich hatte mal einen

Patienten, der hat früher Skat in der Kneipe gespielt, hörte damit aber

auf, weil er immer so viel trank, dass er mit dem Auto nicht mehr hätte

heimfahren können." Also blieb er zu Hause und trank dort.

 

Zu den wichtigen Signalen einer Abhängigkeit gehöre die

Toleranzentwicklung. Wenn jemand in einer Krise wie Arbeitsverlust oder

nach einem Todesfall mehr und mehr trinke, "gewöhnt sich das Hirn an den

Alkohol, und man muss man immer mehr trinken, um eine Wirkung zu

erreichen."

 

Zum Kernkriterium habe der Alkoholforscher Griffith Edwards jedoch

Entzugssymptome erklärt. "Wer sich nicht sicher ist, ob sein Konsum

problematisch ist, sollte den Alkohol einfach mal weglassen: Schwitzen,

Zittern, Unruhe, Kreislaufprobleme sind Hinweise auf ein Suchtproblem."

Bei bestehender Abhängigkeit solle man das aber nicht ohne ärztliche

Begleitung tun, damit keine Krampfanfälle oder andere bedrohliche

Symptome auftreten.

 

Wenn sich das morgendliche Zittern nur mit dem Griff zur Flasche

abstellen lässt, sprechen Ärzte von schwerer Abhängigkeit.

 

Wer zu viel Alkohol trinkt, lebt riskant: Herz, Leber,

Bauchspeicheldrüse, Immunsystem, Magen und Darm, können Schaden nehmen,

Bluthochdruck und bestimmte Krebserkrankungen sind Folge von

Alkoholmissbrauch, warnt Bischof, "und Schwangere, die trinken, setzen

ihr Baby einem sehr hohen Risiko aus".

 

Bischof kennt die Gedankengänge jener Menschen, die den geistigen

Getränken zuneigen: "Glauben Sie nicht, dass es besser ist, wenn Sie auf

das tägliche Viertel verzichten und dafür am Wochenende alles auf einmal

hinunterstürzen." Im Gegenteil. Rauschtrinken - wenn jemand mindestens

fünf alkoholische Getränke auf einmal trinkt - lasse Gehirnzellen

absterben, erhöhe das Risiko für Unfälle und gewalttätige

Auseinandersetzungen.

 

Doch auch den mäßigen, aber beständigen Trinkgenuss nach mediterraner

Lebensart hält Bischof für gefährlich: "Wir wissen, dass die Rate für

alkoholbedingte Lebererkrankungen in Weinanbauregionen erhöht ist", auch

wenn das nicht gleich eine Sucht bedeuten müsse.

 

Die Grenze zur Sucht ist aus Bischofs Sicht überschritten, "wenn das

Denken ständig um den Alkohol kreist und man nicht mehr kontrollieren

kann, wann man beginnt, und wann man aufhört. Auch, wenn man zu

Gelegenheiten trinkt, die über den gesellschaftlichen Usus hinausgehen,

etwa in der Mittagspause oder gar bei der Arbeit". Auch ohne körperliche

Abhängigkeit könne man süchtig sein, warnt Bischof.

 

Alkoholiker seien eben nicht immer die anderen.

 

 

*DER CAGE-TEST*

 

*1.* Hatten Sie schon das Gefühl, dass

 

Sie Ihren Alkoholkonsum reduzieren sollten?

 

*2.* Hat es Sie schon aufgeregt, wenn andere Leute Ihr Trinkverhalten

kritisieren?

 

*3.* Hatten Sie wegen Ihres Alkohol

 

konsums auch schon Gewissensbisse?

 

*4.* Haben Sie morgens nach dem

 

Erwachen auch schon als erstes Alkohol getrunken, um Ihre Nerven zu

beruhigen oder den Kater loszuwerden?

 

*Resultat:* Mindestens zwei positive

 

Antworten bezeugen das wahrscheinliche Vorhandensein von Problemen, die

im Zusammenhang mit übermäßigem

 

Alkoholkonsum stehen. Die Wahrscheinlichkeit eines Alkoholmissbrauchs

beträgt: 62 Prozent bei einer positiven Antwort, 89 Prozent bei zwei

positiven Antworten; bei drei und vier positiven Antworten 99 Prozent.

 

*Weitere Informationen: *

 

www.kenn-dein-limit.info

 

 

 

*ALKOHOLISMUS-TYPEN*

 

*Wer hat ein erhöhtes Risiko,* Alkoholiker zu werden? In der

Greifswalder Familienstudie (GFS) gehen Forscher dieser Frage seit 1998

auf den Grund. In mehreren Erhebungszeiträumen wurden 411 Elternteile

aus der Allgemeinbe

 

völkerung und deren 334 Kinder über

 

Jahre begleitet und beobachtet, um

 

Faktoren, die zu späterem Alkoholmissbrauch führen können, zu bestimmen.

 

*Drei Entwicklungspfade* zum

 

Alkoholmissbrauch gibt es, das hat laut Suchtforscher Malte Stopsack von

der Uni Heidelberg auch die GFS bestätigt.

 

*1. Der genetische Typus.* Er leidet meist unter einer hohen

Impulsivität. Oft

 

fange diese Gruppe schon sehr früh,

 

mit zwölf oder 13 an, regelmäßig zu trinken. "Die lernen wegen ihrer

Impulsivität auch nicht aus den schlechteren Erfahrungen und sehen nur

das Positive am Alkoholtrinken", sagt Stopsack. "Impulsive trinken, um

sich besser zu fühlen." Sie neigten zum Komasaufen und erhofften sich

vom Trinken starke äußere Reize.

 

*2. Der Spannungsabbau-Typus.* Er

 

benutzt Alkohol zur Entspannung. "Ein Bier nach Feierabend ist nicht

schädlich. Ein Problem wird es, wenn daraus regelmäßig zwei, drei oder

vier werden", so Stopsack. "Dieser Typus landet gerne mit 30, 40 in der

Entzugsklinik, weil er lange regelmäßig sehr viel getrunken hat." Laut

Stopsack ist der Spannungsabbau aber kein Hauptpfad in die Sucht.

 

*3. Der soziale Trinker.* Er trinkt zu gesellschaftlichen Anlässen.

Viele fangen laut Stopsack in der Uni oder auf dem College an, sehr

stark über den Durst zu trinken. "Bei den einen reduziert sich das nach

Heirat und Berufsstart auf ein normales Maß, bei den anderen setzt sich

das immer weiter fort." Warum das so ist, will Stopsack mit seinen

Kollegen jetzt weiter untersuchen.

 

*Kinder von Alkoholikern* haben ein

erhöhtes Risiko, selbst abhängig zu

werden, sagt Stopsack. "Interessant ist, dass die meisten abstinent

leben. Wenn sie mit dem Trinken anfangen, sind sie allerdings besonders

gefährdet."

fr 14.5.10