*Ausgebrannt und stets kurz
vor der Explosion*
Studie dokumentiert die
Arbeitsüberlastung von Mitarbeitern in sozialen Berufen / Burn-Out
und Depression sind bei vielen die Folge
*Von Franziska Schubert *
*A*n
manchen Wochenenden dachte Sabine Becker (Name geändert), dass sie
keine Kraft mehr haben würde,
montags wieder im Krankenhaus zu arbeiten.
"Ich musste weinen,
obwohl es gar keinen Anlass gab", sagt die
43-Jährige. Sie war völlig
überfordert und überarbeitet.
Becker arbeitet als
Stationsleiterin in einer Frauenklinik. 250
Überstunden hat sie angehäuft.
Oft kam sie erst um 18 Uhr heim - nach
einem zehnstündigen
Arbeitstag. "Wenn zu Hause Chaos war, bin ich
ausgerastet", berichtet
die alleinerziehende Mutter. Sie sei einfach
explodiert. Obwohl es oft
nicht gerechtfertigt gewesen sei. Schließlich
sei ihre Tochter erst elf,
aber für ihr Alter sehr selbstständig. "Meine
Tochter fing dann sogar an,
mich zu betreuen und bot mir ihre Hilfe an",
sagt Becker. "Aber ich
will nicht, dass meine Tochter mir helfen muss",
sagt sie, "dafür sind wir
beide noch zu jung".
Am Arbeitsplatz konnte sich
Becker nur noch schlecht konzentrieren. Oft
wachte sie schon ein, zwei
Stunden vor dem Wecker auf. "Ich war gereizt,
depressiv und hatte keine
Kraft mehr", sagt sie. Becker hat ein ernstes
Problem, das laut einer Studie
des Sigmund Freud Instituts und der
Technischen Universität
Chemnitz viele Beschäftigte belastet: Die
meisten Angestellten hielten
die ständige hohe Arbeitsbelastung und das
hohe Innovationstempo nicht aus, heißt es darin.
Deutsche Arbeitsplätze geben
häufig ein erschreckendes Bild ab:
Burn-Out, Erschöpfung und psychische Probleme sind die Folge
zunehmender
Überarbeitung. Und zwar nicht
nur in Unternehmen, sondern auch in
sozialen Einrichtungen wie
Altenheimen, Jugendzentren, Krankenhäusern
und Behörden.
"Müdigkeit und
Gereiztheit, die man nicht mehr los wird, sind ein
Zeichen für das Burn-Out-Syndrom", sagt Rolf Haubl
vom Frankfurter
Sigmund-Freud-Institut. In der
Studie geben mehr als 80 Prozent der
Befragten an, dass
psychophysische Belastungen bei den Beschäftigten
zunehmen. Befragt wurden rund
1000 Berater der Deutschen Gesellschaft
für Supervision, in deren
Auftrag die Studie erstellt wurde.
*Raubbau an Seele und Körper *
Vor allem bei Mitarbeitern von
Non-Profit-Organisationen beobachten die
Supervisoren aufgrund von Arbeitsüberlastung einen Raubbau an Seele
und
Körper, der manchmal sogar
ihre Familien mit in die Krise stürzt. Von
der gepriesenen Work-Life-Balance ist vielfach nichts mehr übrig: Väter
und Mütter verlassen das Haus,
bevor ihre Kinder aufstehen und kommen
erst zurück, wenn diese längst
im Bett liegen. Beschäftigte sind
bisweilen so gestresst, dass
sie nur noch zynisch reagieren und
Veränderungen resigniert
hinnehmen.
Becker berichtet, das Klima im
Krankenhaus habe sich in den 21 Jahren,
seit sie dort arbeitet, stark
verändert. "Früher waren alle freundlich
und locker", sagt sie.
"Wenn jetzt ein Patient nach dem Weg fragt,
kriegt er schon mal eine
mürrische Antwort." Sie merkt vielen ihrer
Kollegen an, dass sie total
überarbeitet sind und "jeder nur noch nach
sich guckt".
Denn Überstunden sind oft
keine Ausnahme mehr, sondern die Regel - ganz
gleich, ob es sich um Chefs
oder einfache Angestellte handelt. Die
meisten Beschäftigten
arbeiteten regelmäßig mehr, gibt die große
Mehrheit der befragten Supervisoren an. Laut Studie müssten aber vor
allem Männer aufhören, unbegrenzte Belastbarkeit verkörpern
zu wollen.
Für sie gelte es zu lernen,
Entlastung nicht als Schwäche zu sehen.
Gerade Leistungsträger
brüsteten sich gern mit ihrer Überarbeitung, als
handele es um eine besondere
Auszeichnung.
"Was bleibt mir schon
anderes übrig, als durchzuhalten?", fragt dagegen
Sabine Becker. Auf ihrer
Station hätten sie bereits alles probiert, um
die Arbeitsbelastung zu
drosseln. Immerhin bekämen sie derzeit für ein
paar Stunden in der Woche
Unterstützung von einer Hilfskraft. Außerdem
soll ein externer Prüfer nun
feststellen, ob es noch
Optimierungsmöglichkeiten gibt. "Aber dass bei uns eine zusätzliche
Stelle geschaffen wird, ist
einfach nicht drin", bemerkt Becker. Große
Zuversicht, dass die
Überlastung künftig abnimmt, hat sie deshalb nicht.
*Keine Zeit für ein Gespräch *
"Die einzige Möglichkeit,
den Stress zu reduzieren, wäre, mich weiter zu
qualifizieren und im
Krankenhaus aufzuhören", sagt Becker, "doch
eigentlich will ich gar nicht
weg vom Patienten".
Ein heikler Punkt, denn schon
jetzt steckt Becker bei der
Patientenbetreuung in einem
Dilemma. Oft hat sie so viel zu tun, dass
sie manchmal darüber hinweg
sieht, wenn eine Patientin deprimiert wirkt.
Sie unterdrücke dann den
Impuls, die Frau anzusprechen: "Ich kann mir
einfach nicht genug Zeit für
ein Gespräch nehmen." Vielerorts haben
außerdem die Sorgen um die
berufliche Zukunft zugenommen. Das sagen rund
80 Prozent der Befragten.
Viele haben Angst, ihren Job zu verlieren.
Auch der Anstieg unsicherer
Arbeitsverhältnisse, befristete Verträge,
Leiharbeit oder
Scheinselbstständigkeit, belasteten.
Auf die Unsicherheit
reagierten Mitarbeiter immer öfter mit
Entsolidarisierung und
Konkurrenzdenken. Professor Haubl berichtet von
einer Krankenhausabteilung, in
der sich früher alle freuten, wenn eine
der Schwestern schwanger
wurde. "Jetzt ist es für die anderen eine
Katastrophe, weil die Stelle
der Schwangeren nicht besetzt wird, und es
für die anderen
Mehrarbeit bedeutet", berichtet Haubl. "Das
emotionale
Band zwischen den Kollegen ist
zerstört", betont er.
In Beckers Team jedoch
versuchen die Kolleginnen einander zu helfen:
Denn alle leiden unter der
Arbeitssituation. Außer Becker hat noch eine
weitere Krankenschwester mit
dem Burn-Out-Syndrom zu kämpfen. "Wir
versuchen, die Kollegin dann
zu schonen, ihr Arbeit abzunehmen oder ihr
einen Tag freizugeben",
sagt Becker. "Aber das geht zu Lasten der
anderen", die auch so
kaum wüssten, wie sie das alltägliche
Arbeitspensum bewältigen
sollen.
Hat Becker in der
Chemotherapie Dienst, muss sie sich am Tag im Schnitt
um sieben Patientinnen
kümmern. "Bei der Auswahl der richtigen Infusion
und der Dosierung muss ich
hochkonzentriert sein, aber ständig kommt
etwas dazwischen", sagt
sie. Außerdem seien die Patientenzahlen
gestiegen, da Chemotherapie
immer öfter verschrieben werde. "Viele
Patienten bekommen die
Chemotherapie nun einmal in der Woche und nicht
mehr wie früher alle vier
Wochen", sagt Becker. Jede Behandlung muss sie
abrechnen und dokumentieren.
Becker und ihre Mitarbeiter
beraten die Krebspatienten nicht nur, sie
organisieren auch die
häusliche Pflege. Oft können sich die Betroffenen
nicht mehr selbst versorgen.
Also kümmert sich das Krankenhaus-Team
darum, dass Pfleger zu den
Patienten nach Hause kommen, organisieren
Essen auf Rädern und
beauftragen bei Bedarf den Schmerzdienst.
*Selbswertgefühl
angeknackst *
Oft sind es der Studie zufolge
aber auch die ständigen Neuerungen, die
die Mitarbeiter überfordern.
"Kaum ist eine Innovationswelle angelaufen,
leitet ein neuer Chef schon
die nächste ein", sagt Haubl. Oft würden
dabei kurzfristige ökonomische
Ziele verfolgt. Aber den Mitarbeiter wird
nicht erklärt, warum das
notwendig sei. "Viele verstehen den Sinn von
Veränderungen nicht mehr, weil
sie gar nicht wissen, wie die Firma
funktioniert", sagt der
Professor für Soziologie.
In ihrer Summe trügen die
Entwicklungen dazu bei, dass die Verbundenheit
der Mitarbeiter mit dem
Arbeitgeber abnehme. Diese Einschätzung teilen
mehr als drei Viertel der
Befragten. Vor allem Menschen, die sich stark
mit ihrer Arbeit
identifizieren, deprimieren derartige Zustände. "Auch
ihr Selbstwertgefühl ist
deutlich angeknackst", sagt Haubl. Manche
Mitarbeiter hätten deshalb
innerlich schon längst gekündigt.
Sabine Becker macht weiter.
Sie nimmt Medikamente gegen die Erschöpfung
und andere zur Beruhigung. Ihr
Arzt hat ihr eine Kur empfohlen. Aber sie
wird wohl erstmal nicht dazu
kommen.
fr 11.7.09