Arbeitsmoral ist nicht das Problem
Von Markus Sievers
Schneeschippen für Hartz IV? (Bild: FR/Arnold)
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Berlin. Ein Arbeitsprogramm "Hartz-IV-Bezieher zum Schneeschippen" wird schwer umzusetzen sein, nicht nur weil es wärmer wird in Deutschland. Auch heute schon gibt es viele Sanktionsmöglichkeiten gegen faule Langzeitarbeitslose. Die Forderung von FDP-Chef Guido Westerwelle nach einer Verschärfung stößt aber auf viele politische, rechtliche und auch ökonomische Bedenken.
Welche Sanktionen gibt es?
Mit den Hartz-Reformen wurden die
Sanktionsmöglichkeiten im Sozialgesetzbuch deutlich ausgeweitet. 2007 legte der
Gesetzgeber mit einer weiteren Verschärfung nach. Demnach kann Arbeitslosen der
Regelsatz von 359 Euro Hartz IV gekürzt oder ganz
gestrichen werden, wenn sie ihre Pflichten verletzen.
Wie hoch sind die Abschläge?
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Bei einfachen Versäumnissen,
etwa einem verpassten Beratungstermin, kann das Jobcenter den Regelsatz um zehn
Prozent drücken. Wer ein Jobangebot ausschlägt, kann mit einer Kürzung um 30
Prozent bestraft werden. Im Wiederholungsfall sind 60 Prozent möglich,
anschließend die Streichung aller Ansprüche. Dies schließt die
Unterkunftskosten mit ein. Besonders drastisch ist das Regelwerk für junge
Leute unter 25. Sie können schon beim ersten Verstoß den kompletten Regelsatz
einbüßen, beim zweiten auch die Miete.
Wie sieht die Praxis aus?
Die Jobcenter greifen durch, wie die Statistiken der Bundesagentur für Arbeit
zeigen. Demnach mussten im Oktober 2009 bundesweit 3,6 Prozent der
erwerbsfähigen Hilfebedürftigen mit verringerten Leistungen auskommen. Gut die
Hälfte der Sanktionen wird laut einer Studie des Hallenser Instituts IWH
verhängt, weil sich Langzeitarbeitslose zu spät oder nicht ausreichend häufig
beim Amt melden. In knapp jedem fünften Fall hat ein Arbeitsloser die
Eingliederungsvereinbarung nicht eingehalten, also etwa weniger Bewerbungen
abgeschickt als vorgeschrieben. Nur jede fünfte Sanktion richtet sich gegen
jemanden, der sich weigert, eine Arbeit, eine Ausbildung oder eine
Fördermaßnahme anzutreten.
Muss man jeden Job annehmen?
Unzufriedenheit mit dem Lohn oder der weiten Anfahrt reicht nicht für die
Ablehnung aus. Unzumutbar ist eine Arbeitsstelle nur dann, wenn der angebotene
Lohn so niedrig ist, dass er als sittenwidrig gilt, weil er nicht einmal zwei
Drittel des üblichen Tariflohns erreicht. Auch illegale Jobs, bei denen etwa
ein gesetzlicher Mindestlohn nicht eingehalten wird, müssen nicht angetreten
werden.
Wovon leben die Betroffenen?
Jedem Menschen sichert das Grundgesetz ein Existenzminimum zu. Wem Hartz IV um mindestens 30 Prozent gekürzt wird, der bekommt
daher Sachleistungen oder geldwerte Leistungen (wie etwa
Lebensmittelgutscheine). Vor allem bei Familien mit Kindern soll dies ein
Mindestmaß an Hilfe sicherstellen.
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Schneeschippen für Hartz IV?
Der deutsche Außenminister hat eine neue Sozialstaatsdebatte angestoßen - jetzt wird diskutiert, ob Empfänger von Arbeitslosengeld II Schnee schippen sollen oder nicht. Würden Sie für Hartz IV den Schnee vom Bürgersteig fegen?
Ja, das bin ich dem Staat schuldig.
Ja natürlich, wenigstens kann ich mich nützlich machen.
Nein, keine Zeit: Ich will einen richtigen Job.
Nein, ich nehm doch nicht anderen die Arbeit weg.
Weiß ich nicht.
Gibt es Unterschiede in den Ländern?
Ja. In Bayern verhängen die Jobcenter mehr Sanktionen als in Brandenburg, in
Baden-Württemberg mehr als in Mecklenburg-Vorpommern. Die Forderung der CSU,
den bayerischen Standard überall anzuwenden, führt dennoch an der Realität
vorbei. Um faule Langzeitarbeitslose bestrafen zu können, müssen ihnen die
Behörden erst einmal ein Jobangebot gemacht haben. Schon deswegen ist die
Sanktionsquote in den strukturschwachen Gegenden mit wenig Arbeit niedriger.
Sind Verschärfungen möglich?
Praktisch kaum. Erstens lehnt selbst die Wirtschaft mehr öffentliche Jobs ab,
ohne die verschärfte Sanktionen nicht denkbar sind. Insbesondere das Handwerk
fürchtet unlautere Konkurrenz - auch beim
Schneeschippen, mit dem heute private Firmen (Hausverwaltung) Geld verdienen.
Zweitens akzeptieren die vermeintlichen Müßiggänger schon heute "fast
jedes existierende Lohnangebot", wie die Forschungsstätte der BA, das IAB,
schreibt. "Das Problem ist nicht die Arbeitsmoral", meint auch das
DIW und betont: Die allermeisten Hartz-IV-Empfänger"
wollen einen "Job haben und würden einen annehmen, wenn er ihnen angeboten
würde".
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Copyright © FR-online.de 2010
Dokument erstellt am 22.02.2010 um 17:52:21 Uhr
Letzte Änderung am 23.02.2010 um 09:27:27 Uhr
Erscheinungsdatum 22.02.2010 | Ausgabe: d
http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/2343359_Hartz-IV-Arbeitsmoral-ist-nicht-das-Problem.html
Von Karl Doemens
Sanktionsquoten (Bild: FR-Infografik)
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Berlin. Draußen vor der Tür der Bundespressekonferenz lässt die Februarsonne die Überreste des Berliner Winters dahinschmelzen. Drinnen muss sich Regierungssprecher Ulrich Wilhelm mit den Widrigkeiten des Schneeschippens befassen. Eigentlich ist der Winterdienst auf Bürgersteigen und Straßen eine kommunale Aufgabe. Doch Merkels Medienmann hat sich glänzend auf die Frage vorbereitet: "Sehr viele Punkte, die jetzt gefordert werden, sind im geltenden Recht schon verankert."
Gefordert hat am Wochenende vor allem FDP-Chef Guido Westerwelle und es damit
am Montag in die halbironische Schlagzeile der FAZ geschafft:
"Westerwelle: Warum nicht Schnee schippen für Sozialhilfe?" Der
Oberliberale selbst fand seinen Vorschlag so genial, dass er triumphierend
hinzufügte: "So praktisch ist das Leben. Doch weite Teile der Politik
haben sich davon entfernt."
Wer nun allerdings dem freundlich lächelnden Regierungssprecher bei seinen
ungewöhnlich ausführlichen Darlegungen zuhört, der bekommt zunehmend den
Eindruck, dass sich Westerwelle auf spiegelglattes Eis begeben hat.
Demonstrativ zitiert Wilhelm minutenlang die "sehr strengen"
Paragrafen des Sozialgesetzbuches, in denen niedergelegt ist, dass
Langzeitarbeitslose jede zumutbare Arbeit annehmen müssen. Dann breitet er eine
Statistik aus, derzufolge in den ersten zehn Monaten
des vorigen Jahres 600000 Mal die Bezüge von arbeitsunwilligen Hartz-IV-Empfängern gekürzt wurden. Was Westerwelle
lautstark fordert, gibt es also längst, lautet die Botschaft. Und Wilhelm setzt
noch einen drauf: Beim Heranziehen zu öffentlichen Arbeiten drohten auch
"Verdrängungseffekte von regulärer Arbeit".
Nach diesem kleinen Vortrag kann man sich schon denken, was Kanzlerin Angela
Merkel von Westerwelles jüngster Pirouette hält: nichts. Es handele sich um
eine "parteipolitische Debatte", erklärt Wilhelm diplomatisch, um die
Agenda der Regierung dagegenzusetzen. Mit der Fortführung der Jobcenter, der
Neugestaltung der Regelsätze aufgrund des Verfassungsgerichtsurteils und den
Hinzuverdienstgrenzen wolle man sich befassen. Vom Schneeschippen keine Rede.
Folglich rudert FDP-Generalsekretär Christian Lindner im wenige hundert Meter
entfernten Hauptquartier der Liberalen zurück. "Es gibt keinen
gesetzgeberischen Handlungsbedarf", räumt er kleinlaut ein. Man wolle nur
die "bessere Durchsetzung bestehender Sanktionsmöglichkeiten". Was
das genau heißt? "Wir werden in Kürze Eckpunkte mit konkreten Forderungen
vorstellen."
So praktisch also ist das Regierungshandeln. Und so weit sind manche
Fensterreden davon entfernt. "Das Wichtigste ist der Mut!", hatte
Westerwelle der Kanzlerin als feine Spitze zugeworfen. "Mut gehört zu
jeder Regierung genauso wie Ausgewogenheit und Abwägung der Interessen",
kontert nun der Regierungssprecher frostig. Man ahnt: Schlitten fahren sollte
man mit Angela Merkel besser nicht.
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