Arbeitslose in Deutschland besonders arm
07.02.2012 / Betrieb & Gewerkschaft / Seite 15Inhalt jw
Arbeitslose sind in Deutschland stärker von Armut bedroht
als in andern europäischen Staaten. Zu diesem Ergebnis kommt die
gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung in der
Februarausgabe der Zeitschrift Böckler Impuls. In der
Bundesrepublik liegt das Einkommen von 70 Prozent der offiziell als Menschen
ohne Job Anerkannten unterhalb der Armutsgrenze. Im EU-Durchschnitt bleiben
»nur« 45 Prozent der Arbeitsuchenden mit ihren Einkünften unter diesem Level.
Der Armutsanteil ist hierzulande sogar am höchsten. Auf Platz zwei liegt
Großbritannien mit einer Quote von 47 Prozent. Grundlage der Studie bilden
aktuelle Daten der EU-Statistikbehörde Eurostat aus
dem Jahr 2010, die der Sozialexperte Eric Seils ausgewertet hat. Als
armutsgefährdet gilt demnach, wer weniger als 60 Prozent des mittleren
Nettoeinkommens hat. In Deutschland sind das 940 Euro im Monat für einen
Alleinstehenden.
Drei Gründe sind laut Seils für die hohe Armutsgefährdung hierzulande
verantwortlich. Erstens sind die Anspruchsvoraussetzungen für das
einkommensbezogene Arbeitslosengeld I (ALG I) besonders hoch. ALG I erhält
zumeist nur, wer in den zwei Jahren vor der Arbeitslosigkeit mindestens zwölf
Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt war. Zudem fällt die Höhe des
ALG I im internationalen Vergleich relativ gering aus. Während hierzulande bei alleinstehenden Beschäftigten nur 60 Prozent des letzten
Nettolohns ausgezahlt werden, sind es in Dänemark 83 Prozent, in der Schweiz 82
Prozent und in den Niederlanden 76 Prozent. Den wichtigsten Grund sehen die
Forscher aber in der vergleichsweise kurzen Dauer des Anspruchs auf ALG I. So
erhält etwa ein 40jähriger, der seit seinem 18. Lebensjahr durchgängig
gearbeitet hat, nur maximal 52 Wochen Arbeitslosengeld. In den Niederlanden
sind es hingegen 96 Wochen, in Frankreich oder Norwegen 104 und in Dänemark 208
Wochen. So bekomme nur etwa ein Drittel aller Arbeitslosen in Deutschland ALG
I. Nach der Abschaffung der Arbeitslosenhilfe im Jahr 2004 sind somit viele
Arbeitslose auf ALG II und damit auf Hartz IV
angewiesen. Länder wie Dänemark, die Niederlande oder die Schweiz zeigten, daß sich niedrige Arbeitslosigkeit und bessere
Armutsprävention für Arbeitslose gleichzeitig erreichen lassen. Seils plädiert
daher dafür, die Anspruchsdauer für ALG I zu verlängern. (jW)
http://www.jungewelt.de/2012/02-07/066.php