Arbeiten? Ja, bitte!Die Empfänger von Hartz IV
haben eine hohe Arbeitsmoral, so eine Studie. Fast alle bemühten sich ernsthaft
um Arbeit. Vor dem Urteil Karlsruhes zur Höhe
des Regelsatzes für Kinder werden Kürzungen für Langzeitarbeitslose gefordert.
Von Markus Sievers FR 8.2.10
BERLIN. Fast alle Hartz-IV-Empfänger
bemühen sich ernsthaft um Arbeit. Zu diesem Ergebnis kommt das Deutsche
Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in einer noch unveröffentlichten
Studie, die der Frankfurter Rundschau vorliegt. Von den Langzeitarbeitslosen
unter 56 Jahre stünden 90 Prozent für eine Beschäftigung zur Verfügung.
"Das Problem ist nicht die Arbeitsmoral", fassen
die Ökonomen ihre Hartz-IV-Bilanz zusammen. Nur bei
den Älteren sinke die Bereitschaft dramatisch, offenbar weil sie keine
berufliche Perspektive mehr für sich sehen. Von den 56-Jährigenund Älteren
erklärten 42 Prozent, keine Stelle mehr antreten zu wollen. Die Hartz-Reformen hätten anders als von der Politik erhofft
nicht zu einer höheren Arbeitsbereitschaft geführt, stellt das DIW fest. Dies
liege daran, dass die Motivation schon vor der Reform "offenkundig kaum
steigerungsfähig" gewesen sei. Dies gelte insbesondere für die euen Bundesländer, wo noch weniger Erwerbslose auf einen
Job verzichten würden als im Westen. Die Daten beruhen auf Auswertungen einer
repräsentativen Wiederholungsbefragung von über 12 000 Privathaushalten.
Kurz vor dem für Dienstag erwarteten Urteil des
Bundesverfassungsgerichts über die Höhe der Hartz-IV-Sätze
plädierte der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz für eine Kürzung der Regelsätze
für Langzeitarbeitlose um 30 Prozent. Um Arbeit attraktiver zu machen, sollten Hartz-IV-Empfänger im Gegenzug mehr hinzuverdienen dürfen,
sagte der Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung und Vorsitzende
des Sachverständigenrats dem Magazin Wirtschaftswoche.
"Im jetzigen System sind die Arbeitsanreize für
Transferempfänger unzureichend", sagte Franz. "Denn wer sich etwas
hinzuverdient, darf davon nur 20 Prozent behalten, abgesehen von einem Freibetrag
von 100 Euro." Der Sachverständigenrat schlage stattdessen vor, dass
Empfänger des Arbeitslosengelds II die Hälfte ihres Zuverdienstes
behalten könnten - allerdings erst ab 200 Euro. Der Hartz-IV-Regelsatz
für Erwachsene liegt derzeit bei 359 Euro pro Monat. mit rtr Seite
4
Rekord bei Sperrzeiten
Agentur verhängt so viele Sanktionen gegen Arbeitslose wie
nie zuvor
Von Roland Bunzenthal
Frankfurt. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) zieht die Zügel
bei den Arbeitslosen straffer an. Im vergangenen Jahr verhängte die Behörde 843
000 Sperrzeiten gegen Bezieher von Arbeitslosengeld - so viele wie noch nie
zuvor.
2008 hatte die Behörde rund 560 000 Sperr-Bescheide
verschickt, in den Jahren davor im Schnitt je 300 000 pro Jahr. Das geht aus
BA-Unterlagen hervor, die der Frankfurter Rundschau vorliegen. Die Nürnberger
Behörde kann ihre Leistungen je nach Regelverstoß zwischen einer und zwölf
Wochen streichen. Die Vorschriften waren 2005 im Rahmen des Hartz-IV-Gesetzes
- Leitmotto: "Fördern und Fordern" - deutlich verschärft worden. So
wurde damals das Meldeversäumnis als ein grund
angeführt. Die Arbeitslosen mit Leistungen aus Hartz
IV sind aber in der Statistik nicht enthalten.
Behörde spart Millionen
Mit dem Sperren der Bezüge wird zum Beispiel geahndet, wenn
ein Arbeitsloser einer Einladung der Bundesagentur für Arbeit zum Beratungs-
oder Vermittlungsgespräch nicht folgt. Weitere Gründe für Kürzungen sind die
Ablehnung einer zumutbaren neuen Tätigkeit, der Verzicht auf eine angebotene
Fortbildung oder mangelndes eigenes Bemühen um einen neuen Job.
Rechnet man alle Sperrzeiten aus dem Jahr 2009 zusammen,
ergibt das eine Zeitspanne von rund 70 000 Jahren. Umgerechnet heißt das: Die
Zahl der registrierten Arbeitslosen wurde 2009 statistisch um 70 000 Personen
reduziert. Da jeder Bezieher von Arbeitslosengeld derzeit eine Leistung von
durchschnittlich rund 10 000 Euro pro Jahr erhält, spart die Bundesagentur
durch die Sperrzeiten rund 700 Millionen Euro pro Jahr.