Arbeit lohnt sich oft nicht
1,4 Millionen Beschäftigte brauchen Stütze
Von Markus Sievers
Berlin. Noch nie zuvor waren so viele Arbeitnehmer auf Hartz IV angewiesen. Und noch nie mussten die Steuerzahler für diese Aufstockung so viel Geld aufbringen. Dies geht aus einer Erklärung der Bundesregierung hervor, die der Frankfurter Rundschau vorliegt und mit der sie eine Anfrage der Linkspartei beantwortet. Demnach bezogen im September knapp 1,4 Millionen Menschen trotz Berufstätigkeit Hartz IV, noch einmal ein Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Stark zugenommen hat vor allem die Zahl der Arbeitslosengeld-II-Empfänger mit Minijobs - nämlich um sieben Prozent auf gut 774000. Die Gruppe der Leistungsbezieher mit Erwerbseinkommen über 800 Euro im Monat schrumpfte dagegen um 13 Prozent auf 337000.
Immer teurer wird diese Unterstützung von Berufstätigen für den Staat. Von Januar bis September subventionierte er die Jobs mit 8,1 Milliarden Euro, weil die Löhne allein nicht zur Existenzsicherung reichten.
Die Arbeitsmarktexpertin der Linkspartei, Sabine Zimmermann, sprach gegenüber der FR von einem " Skandal". "Die Zahl der Menschen, die von ihrer Arbeit nicht leben können, wächst und die Politik schaut zu", urteilte Zimmermann. Problematisch sei vor allem die Explosion der Minijobs, die reguläre Arbeitsverhältnisse ersetzten. Genau diese schlecht bezahlten und unsicheren Arbeitsplätze wolle die Bundesregierung stärker fördern, kritisierte Zimmermann.
Heute wird das Bundesverfassungsgericht sein mit Spannung erwartetes Urteil über die Berechnungsgrundlagen für Hartz-IV-Sätze bekanntgeben. In dem eigentlichen Verfahren geht es darum, wie die Politik den Bedarf von Kindern ermittelt hat. Experten rechnen jedoch damit, dass Karlsruhe sich grundsätzlich mit den Hartz-IV-Sätzen und dem Verfassungsrechtlichen Existenzminimum befassen wird. Seite 13
FR 9.2.10
Viel Ärger um 359 Euro im
Monat
Unbeabsichtigt haben die Karlsruher Richter mit ihrem Hartz-IV-Urteil eine alte Diskussion belebt: Wie kriegen
wir eine Balance zwischen sozialer Sicherheit und Arbeitsanreizen hin?
Von Markus Sievers
Berlin. Eigentlich dürfte es diese Aufregung gar
nicht geben. Hans-Jürgen Papier, Präsident des Bundesverfassungsgerichts,
wundert sich jedenfalls, was er mit seinem Urteil so alles ausgelöst hat.
Karlsruhe habe keine Grundsatzentscheidung zu Hartz
IV vorgelegt, erklärte Papier am Wochenende und betonte: "Von einer
Neubestimmung des Sozialstaates kann meines Erachtens keine Rede sein."
Da sind die Richter gründlich missverstanden worden. Seit
Dienstag vor einer Woche tobt die Schlacht zwischen links und rechts.
Spätestens seit FDP-Chef Guido Westerwelle mit seiner Warnung vor spätrömischer
Dekadenz provoziert hat, geht es nicht mehr allein um 359 Euro plus/minus X im
Monat, sondern um die Grundfesten unseres Sozialstaates. Die Gretchenfrage, die
sich nicht erst seit Hartz IV immer aufs Neue stellt,
ist wieder offen: Wie kriegen wir eine Balance zwischen sozialer Sicherheit und
Arbeitsanreizen hin? Wie lassen sich Fördern und Fordern in ein angemessenes
Verhältnis bringen?
Erstaunlich ist in der Tat, wie sehr sich die Debatte auf
die Höhe von Hartz IV konzentriert. Nicht nur hat
Karlsruhe dazu geschwiegen. Auch ist das Geld bei Hartz
IV nicht das eigentliche Problem. Natürlich ermöglicht diese Sozialleistung,
vom Steuerzahler finanziert, kein angenehmes Leben. Das soll und kann sie aber
auch gar nicht. Auf der anderen Seite bekommt eine Hartz-IV-Familie
mit zwei Kindern inklusive der Bezüge fürs Wohnen schon über 1500 Euro im
Monat, was ein normaler Arbeitnehmer erst einmal verdienen muss. Das sind keine
Summen, die eine Polemik à la Westerwelle rechtfertigen. Dennoch hat Hartz IV gerade die 20 Prozent mit den niedrigsten
Einkommen finanziell besser gestellt, wie das Forschungsinstitut IAB kürzlich
in seiner Bilanz der Arbeitsmarktreformen festhielt.
Für Hartz-IV-Kinder muss es
künftig mehr geben, um ihnen bessere Bildungschancen zu eröffnen - dies hat
Karlsruhe verlangt. Aber schon bei den Kindern hat Arbeitsministerin Ursula von
der Leyen (CDU) zu Recht die Frage aufgeworfen, ob es unbedingt Geld für einen
Schulranzen sein muss oder ob der Schulranzen als Sachleistung nicht mehr
helfen könnte. Wer den Teufelskreis der Armut durchbrechen möchte, muss die
öffentlichen Angebote für die Benachteiligten ausbauen. Gebraucht werden eine bessere Kinderbetreuung und -förderung, bessere
- staatliche (!) - Schulen, kurz eine leistungsfähige Infrastruktur für
Chancengleichheit.
Zumindest bei den Erwachsenen aber kann die Lösung nicht
darin liegen, die Leistung einfach aufzustocken. Der entscheidende Makel von Hartz IV ist, dass das wichtigste Versprechen nicht
eingelöst wurde: Die Menschen sollten eine Perspektive erhalten. Sie sollten
den Weg zurück ins Arbeitsleben finden. Tatsächlich fällt der Aufstieg immer
schwerer und die Spaltung der Gesellschaft schreitet voran. Der Ausstieg aus Hartz IV gelingt den wenigsten, wie ebenfalls das IAB
ermittelt hat. Drei Viertel der Betroffenen beziehen Arbeitslosengeld II
mindestens zwölf Monate durchgängig. Von denen, die herauskommen, findet nur
jeder Zweite einen Job. Die anderen nehmen eine Ausbildung oder ein Studium
auf, verabschieden sich resigniert in die Rente oder verlieren ihre Ansprüche,
weil der Partner eine Stelle ergattert hat. "Verfestigung der
Arbeitslosigkeit", nennt das IAB-Forscher Ulrich Walwei.
Ein zweites Problem verschärft die Gegensätze: der
sprießende Niedriglohn-Sektor. Den haben die Hartz-IV-Macher
zwar nicht erfunden, wohl aber gefördert. Fast jeder vierte Arbeitnehmer
verdingt sich mittlerweile als Niedriglöhner. Und die
Zahl der Aufstocker, die ihr Gehalt nicht vor Hartz IV bewahrt, ist auf 1,3 Millionen Euro
hochgeschnellt.
Hier hätte Westerwelle einen Ansatzpunkt, um die
Leistungsanreize zu stärken. Er müsste sich dafür einsetzen, dass die Menschen
anständig bezahlt werden, so dass sie von ihrer Arbeit leben können und sich
Leistung lohnt. Er müsste sich für einen Mindestlohn starkmachen,
mit dem 20 von 27 EU-Ländern ihre Bürger vor Ausbeutung schützen.
Mit dem permanenten Ausbau des Niedriglohnanteils
beschreitet Deutschland einen Sonderweg, der nicht nur ungerecht ist, sondern
auch ökonomisch schadet. Der Druck auf die Löhne schwächt die Binnenwirtschaft
und verfestigt die einseitige Abhängigkeit von den Exporten, mit der
Deutschland zu den weltweiten und innereuropäischen Ungleichgewichten beiträgt.
Hier aber sperrt sich Westerwelle. Dabei hätte er gerade hier die Chance, den
Leistungsgedanken zu fördern und eine spätrömische Dekadenz in Deutschland
entschlossen zu bekämpfen. Seiten 11, 25 FR
16.2.10