Am Existenzminimum. Hartz IV:
Berichte über ein bürokratisches Monster
Von Ramona Sinclair
26.07.2010 / Politisches Buch / Seite 15Inhalt jw
Das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes vom 9. Februar
2010 zur Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums ließ die
Debatte um Hartz IV hochkochen.
Der kleine Sieg, den dieses Urteil darstellt, rief heftige Gegenreaktionen
neoliberaler Hardliner hervor, für die jede Form sozialstaatlicher Umverteilung
des Teufels ist. Es ist daher verdienstvoll, den aufgebauschten Reportagen über
»Sozialbetrüger« Berichte über die tatsächlichen Verhältnisse entgegenzusetzen,
unter denen die Mehrzahl der Hartz-IV-Betroffenen
gezwungenermaßen leben muß.
Im Sammelband »Als Kunde bezeichnet, als Bettler behandelt«
dokumentieren Mitarbeiter karitativer Organisationen ihre Arbeit und lassen
zahlreiche Betroffene zu Wort kommen. Gleich eingangs wird die junge Welt zitiert:
Die Summe der von Arbeitsagenturen ausgegebenen »Lohnersatzleistungen« sinke
von Jahr zu Jahr und sei 2008 so niedrig ausgefallen wie seit 18 Jahren nicht
mehr. Als Folge des propagierten »Sozialneides nach unten« werden in dem Band
Verzweiflungsausbrüche, Selbstmorddrohungen und Gegengewalt von seiten der Betroffenen dokumentiert.
Die Arbeitsagentur erscheint in den zum Teil kafkaesken
Schilderungen als ein bürokratisches Monster, unfähig, auch nur ansatzweise auf
die sozialen Probleme der Menschen einzugehen. Anträge von Betroffenen werden
oft wochenlang nicht bearbeitet, bei Nachweisen jedoch oft irreale Termine
gesetzt und deren Nichteinhaltung gnadenlos sanktioniert. Einige Beispiele:
Eine sechsköpfige Familie soll ihren Bedarf an einem Küchenherd begründen;
einem langjährig Obdachlosen wird ein winzigens
Appartement verwehrt, weil die Wohnungsausstattung im Vergleich zur Miethöhe zu
gering sei der Mann blieb wohnungslos;
monatelange Kürzung einer Regelleistung für eine Familie, weil der Sohn sich
einmal durch Zeitungsaustragen ein paar Euro verdient hatte; die Kinder einer
anderen Familie gingen mit zerrissenen Sachen zur Schule, weil das Kleidergeld
nicht Bestandteil der Grundsicherung ist. Seitenlang werden so Fälle von
Inkompetenz, Schlamperei und bürokratischer Herzlosigkeit aufgelistet.
Das Buch entstand auf Initiative von Beratungsstellen des
Diakonischen Werkes Hessen; die Beiträge stammen nicht aus der Feder von
Klassenkämpfern oder linksradikalen Szeneaktivisten. Die Kritik der Herausgeber
erschöpft sich zum Teil darin, daß das Personal der
Arbeitsagenturen überlastet, unmotiviert und schlecht ausgebildet sei, Hartz IV selbst lehnen sie aber klar ab. Eine
grundsätzliche Infragestellung der Umverteilung von unten nach oben ist nicht
Gegenstand des Bandes.
Wolfgang Gern/Franz Segbers (Hrsg.): Als Kunde bezeichnet, als Bettler behandelt - Erfahrungen aus der Hartz-IV-Welt. VSA Verlag, Hamburg 2009, 134 Seiten, 10,80 Euro